Frankreich

Mein Sehnsuchtsort entzaubert

Der zweite Aufenthalt bei Benico Bio war ernüchternd.

Dabei hatte ich mich so drauf gefreut!

Konnte es sogar kaum erwarten, wieder dorthin zu kommen. Mein erster Besuch bei Benico Bio war ein wahres Erlebnis. Zuerst der Schock als ich gesehen habe, wie offen und naturnah alles ist – vor allem weil ich bis dahin nur ein relativ steriles Leben kannte. Dann verliebte ich mich doch in den Ort und hatte Tränen in den Augen bei der Abreise. Und dann ein neuerlicher Schock nachdem ich die Gemüsefarm ein zweites Mal besucht habe und sich fast alles verändert hat. Nach fünf Wochen muss ich leider sagen, dass mein Sehnsuchtsort entzaubert wurde.

Das lag zum einen daran, dass es jetzt eine große Absperrung gibt, die sich einmal quer durchs Camp zieht. Einer der Cousins hat jetzt eine feste Freundin und damit offenbar das Bedürfnis nach mehr Privatsphäre. Das heißt aber auch, dass er sich von der Gruppe abkapselt und sein eigenes Ding macht. Der andere Cousin hat sich von seiner langjährigen Partnerin getrennt und lebt nun auch im Camp, in das in diesem Jahr fast nur Frauen eingezogen sind. Und wenn ich Frauen schreibe, meine ich eigentlich Mädchen. Ich war die älteste dort. Der Großteil der Mädels war zwischen 18 und Mitte 20.

Und zwischen denen und mir hat es nicht wirklich gefunkt.

Die Atmosphäre reichte dieses Mal bei weitem nicht an die vom letzten Jahr heran. Ich hab mich dort nicht so gut aufgehoben gefühlt, hatte keinen so tiefen Kontakt mit ihnen, wie mit den Ex-Bewohnern vom letzten Jahr. Zwar wohnen immer noch zwei Jungs dort, die ich letztes Jahr schon kennengelernt hab (außer den Cousins), aber die ziehen sich auch weitestgehend zurück vom Trubel mit den ganzen Wwoofern und Praktikanten.

Natürlich gab es auch schöne Momente, in denen wir gelacht haben oder alle gemeinsam am Strand lagen. Doch es waren die Momente, in denen man mal ein Tief hat, in denen jeder irgendwie auf sich allein gestellt war. Da merkte man erst, wie viel einem die Menschen um einen herum bedeuten und umgekehrt – oder auch nicht.

Was mich am meisten verärgert hat war, wie viel sie inzwischen wegschmeißen. Letztes Jahr ist mir dort erst bewusst geworden, dass wir in einer Wegwerfgesellschaft leben, als ich gesehen habe, wie sie bei Benico wirklich alles verwerten.

In diesem Jahr sind fast täglich große Eimer Lebensmittel bei den Schweinen gelandet.

Dieses Schwein lebte besser als manches Kind.

Das hat zum einen damit zu tun, dass die Cousins nicht nur selbst anbauen, sondern noch dazu kaufen. Dadurch können sie auf den Märkten mehr anbieten. Alles ist bio, also unbehandelt. Dadurch vergeht aber viel auch schnell. Die Pfirsiche, die sie gekauft haben, kamen zum Teil schon mit Schimmelstellen vom Laster. So etwas kauft keiner, bio hin, bio her. Und trotzdem hatten sie Menge da, die sich kaum an den Mann bringen lassen. Also bekamen wir Freiwilligen wöchentlich mehrere Kisten Pfirsiche, Nektarinen, Honigmelonen und Blaubeeren. Eine Tschechin hat immer ein paar echt leckere Kuchen und Buchteln mit den Blaubeeren gemacht. Ich selbst hab einmal ein Sorbet aus den Melonen und einmal ein Kompott aus Pfirsichen und Nektarinen gemacht, die so süß und saftig waren, dass ich absolut gar nichts dazu geben musste. Trotzdem konnten wir nicht alles verwerten.

Das andere Problem war, dass zu viel geerntet wurde. Zucchini, Auberginen und Salate haben wir täglich in Mengen geerntet, die wir nicht losgeworden sind. Und dieses Jahr waren nicht so viele Menschen in der Gruppe, die damit auch was machen konnten und wollten.

Was auch stark zugenommen hat, war die Kocherei. Sogenannte Produzentenmärkte hatten sie im vergangenen Jahr auch schon bedient. Also gab es immer ein Team, dass den ganzen Tag in der Küche stand und das Essen dafür vorbereitet hat. Eigentlich ist der Sinn hinter diesen Märkten, dass die Bauern der Umgebung Kleinigkeiten aus ihrer eigenen Ware zubereiten. Wir nahmen, was weg musste. Egal ob es vom eigenen Feld oder vom Großhandel kam.

Das kannte ich schon vom vergangenen Jahr.

Doch in diesem Jahr kamen noch einige kleinere Events dazu, die bedient werden wollten – zusätzlich zu den fünf Wochenmärkten, dem Pflanzen von jungem Gemüse und der regelmäßigen Ernte sowie den Produzentenmärkten. Dadurch hatten die Freiwilligen richtig volle Arbeitstage, was nicht gerade der Idee von Wwoofing entspricht. Vor einem Jahr habe ich auch schon mehr gearbeitet, als eigentlich laut dem Wwoof-Konzept vorgesehen, aber es hat Spaß gemacht. Ich habe gern mit den Leuten damals zusammengearbeitet. Und die ganze Stimmung war anders.

Dieses Mal hat die viele Arbeit im Urlaub einfach nur genervt. Die Erkenntnis, dass es nicht die Cousins sind, die diesen Ort besonders machen, hat zusätzlich wehgetan. Es kommt also immer auf die Menschen an, die dort ihre Ferien oder ihr Pflichtpraktikum verbringen. Man könnte es auch Lotterie nennen. Das macht keinen Spaß.

Dieser zweite Aufenthalt war dann auch der letzte gewesen. Frankreich hat andere schöne Ecken, die ich noch nicht kenne. Und die Menschen, die ich dort kennengelernt habe und die mir wichtig sind, kann ich auch so wiedertreffen. Irgendwann. Irgendwo.

Eine Wwooferin war besonders kreativ :o)

Trotzdem hab ich ein paar interessente Dinge gelernt, bei denen es vor allem ums Kochen geht:

  • Geschälte, entkernte und geraspelt Zucchini ersetzt beim Backen die Butter; richtig reife, weiche Bananen kann man statt Eiern nutzen. Statt Kuhmilch geht auch dickflüssige Kokosmilch. Dadurch haben wir ein paar echt leckere vegane Kuchen gehabt.
  • Die Franzosen haben ein Rezept für altes Brot, das sie „Pain perdu“ (also verlorenes Brot) nennen. Das trockene Brot (oder Baguette) kommt mit Milch, Eiern und Zucker in eine Schüssel, wird ordentlich vermischt und dann das ganze gebraten. Scheint eher ein Kindergericht zu sein, ist aber wirklich lecker.

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